Wieso Feminismus ohne Intersektionalität eigentlich gar kein richtiger Feminismus ist-von Gastschreiberin Sophia, @isiuwaberlin

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(Ich habe kein T-Shirt zum Thema, aber da ich auf meiner Seite nun nicht mehr nur auf Rassismus aufmerksam mache, sondern auch auf Sexismus, ist es nötig den Begriff zumindest zu nennen.)

Intersektionalität ist die Verflochtenheit mehrerer Diskriminierungsformen und Ungleichheitsverhältnisse. Das erste Mal fiel der Begriff 1989, als Kimberle Crenshaw darauf aufmerksam machte, dass Antidiskriminierungsrechte nur weißen Frauen oder Schwarzen Männern zu Gute kamen. Schwarze Frauen fanden in den Gerichtssälen kein Gehör, wenn es um Einstellungspolitiken ging. Crenshaw verglich das Phänomen der Intersektionalität mit einem Verkehrsunfall, der entweder durch Autos aus einer Richtung oder aus mehreren Richtungen entsteht. Genauso kann eine schwarze Frau, die verletzt wird, weil sie an der Kreuzung (intersection) steht, sowohl sexistisch, als auch rassistisch diskriminiert werden.

Damals bezog sich der Begriff Intersektionalität hauptsächlich auf Diskriminierungen auf Grund von race¹, Geschlecht und Klasse. Mittlerweile werden auch andere Formen der Diskriminierung (wie Ableism² oder Altersdiskriminierung) in die Intersektionalitätsdebatte miteingeschlossen.
Betroffen sein können also alle Menschen, die aus mehr als einem Grund, ungleich behandelt werden (z.B. homosexuelle Schwarze Männer oder muslimische Frauen).
Sexismus und Rassismus
Ich gehe insbesondere auf Sexismus und Rassismus ein, da sich die Seite isiuwaberlin mit diesen Diskriminierungsformen auseinandersetzt.
Sexismus und Rassismus sind zwei unterschiedliche Phänomene, die jedoch einige Parallelen aufweisen.
Zum einen spielen unterschiedliche Machtverhältnisse eine große Rolle. Der Grund für die Entstehung zahlreicher feministischer Gruppen war und ist die Unterdrückung der Frau durch den Mann. (Seit meinem Sexismus-Post habe ich mehrere Nachrichten erhalten, von Personen, die der Meinung sind, bei Sexismus ginge es nicht um Macht, deshalb hier eine kurze Erklärung:)
Sexismus ist die Herabwürdigung und Degradierung von Frauen (und anderen Geschlechtern, außer Männern) und Sexismus war ursprünglich gleichzusetzen mit der Unterdrückung der Frau. Durch Rollenverteilungen erhoben und erheben sich Männer systematisch über Frauen. Ein paar unterstützende Zahlen: 1919 durften Frauen in Deutschland das erste Mal wählen. 1962 durften Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemannes ein Konto einrichten. 1977 durften Frauen in Deutschland ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten. 1997 wurden Vergewaltigungen in der Ehe strafbar. 2016 trat ein Gesetz in Kraft, dem zufolge ein „Nein“ reicht, um sexuelle Gewalt strafbar zu machen, zuvor war körperliche Abwehr notwendig.
Auch bei Rassismus geht es ursprünglich um die Unterdrückung nicht-weißer Menschen (ebenfalls eindeutige Geschichte, z.B. Kolonialismus).
Zum andern basieren beide Diskriminierungsformen i.d.R. auf körperlichen Merkmalen und haben somit langfristig Gültigkeit (nach Ina Kerner). Anders ist es beispielsweise bei Klassenherrschaft.
In beiden Fällen wurde durch weiße Männer versucht verminderte Intelligenz zu belegen. (Im 19.Jh wurden z.B. die Schädel weißer Frauen mit denen „niederer Rassen“ verglichen, um Gleichheiten zu erkennen und die natürliche Überlegenheit weißer Männer zu beweisen).
Diese Parallelen machen deutlich, dass man z.B. als Schwarze Frau sehr leicht zugleich von Sexismus, als auch von Rassismus betroffen sein kann (Sexismus und Rassismus addieren sich also -> sog. Mehrfachunterdrückung). Doch Intersektionalität will vor Allem auf die Verschränkungen und Wechselwirkungen verschiedener Diskriminierungsformen eingehen. Denn wenn eine Person aus mehren Gründen diskriminiert wird, kann man diese nicht getrennt voneinander betrachten. Einfacher gesagt: Als Schwarze Frau, zum Beispiel, ist man weder „nur“ Schwarz, noch „nur“ eine Frau. Man ist immer beides.

Schwarze Frauen
Wie erwähnt, entstand der Begriff der Intersektionalität aus der Notwendigkeit heraus Schwarzen Frauen (in den USA) eine Stimme zu geben.
Vor Allem feministische Bewegungen schlossen (und schließen zum Teil auch heute) Schwarze Frauen aus ihren Kämpfen um geschlechtliche Gleichberechtigung aus. Ein bekannter Slogan weißer Feministinnen aus den 60er Jahren in den USA war: „Frauen sind die N*ger aller Völker“. Schwarze Frauen wurden so komplett ignoriert und unsichtbar gemacht. Weiße Feministinnen kämpften nur für weiße Frauen.
Als Antwort wurde das Zitat „Ain‘t I a woman?“ von Sojourner Truth (1851) in den 70er Jahren von der Schwarzen Frauenbewegung wieder aufgegriffen, um auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.
Doch auch im Kampf gegen Rassismus wurde und wird hauptsächlich von dem Schwarzen Mann ausgegangen.
Wenn es in Filmen oder in den Nachrichten um Rassismus geht, dann in der Regel um Rassismus gegenüber Schwarzen Männern. Der Hashtag „say her name“ ist ein Versuch etwas daran zu ändern und mehr Aufmerksamkeit auf weibliche Opfer von Rassismus zu lenken. In isiuwaberlins Bio findest du einen Ted-Talk von Kimberle Crenshaw, die auf diese Thematik eingeht.
Doch auch in den sozialen Netzwerken wird das Geflecht aus Sexismus und Rassismus gegenüber Schwarzen Frauen deutlich. Es herrschen viele Vorurteile, die auch von Schwarzen Männern ausgehen. „Angry Black woman“ ist ein bekannter Begriff, der es Schwarzen Frauen erschwert für sich aufzustehen und zu sprechen.  Schwarze Frauen seien zu anstrengend, zu laut, zu eifersüchtig, als mit ihnen eine Beziehung zu führen. Auch „Colourism“³ betrifft eher Schwarze Frauen, als Schwarze Männer. Wenn eine Frau Schwarz ist, dann ist das Schönheitsideal „light skinned“ also hellhäutig, das heißt sehr häufig werden hellhäutige Schwarze Frauen, Frauen mit dunklerer Haut vorgezogen (sowohl von weißen Menschen, als auch von Schwarzen Männern). Natürliches Haar ist oft nicht gern gesehen, es sei denn es ist wellig oder lockig. Wie gesagt: Diese Diskriminierung geht sehr häufig auch von Schwarzen Männern aus!
(Häufig lehnen „dark skinned“ Schwarze Männer Beziehungen mit „dark skinned“ Schwarzen Frauen ab, sodass ihre Töchter nicht ebenfalls dunkle Haut haben, sondern hellere, damit sie in das sexistische und rassistische Bild einer „exotischen Schönheit“ passen.)
Deswegen ist es für unglaublich viele Schwarze Frauen sehr schwer zu ihrer Haarstruktur zur stehen. Oder zu ihrer dunklen Haut. Weil sie Gefahr laufen sowohl von weißen Männern, von weißen Frauen, wie auch von Schwarzen Männern (und von allen anderen nicht Schwarzen oder „dark skinned“ Menschen) dafür degradiert zu werden.
Deswegen ist es wichtig diesen Frauen Mut zu machen. Sie beim Aufstehen zu unterstützen.
Deswegen hat der Satz „I am a proud Black woman“ so viel Bedeutung, weil er oftmals sehr viel Kraft kostet.
Deswegen muss betont werden, dass es im Kampf gegen Rassismus nicht reicht für Schwarze Männer zu kämpfen. Und dass es im Kampf gegen Sexismus nicht reicht für weiße Frauen zu kämpfen. Sondern, dass alle diskriminierte Menschen involviert werden. Auch Schwarze Frauen.
Zusatz
Intersektionalität in Deutschland am Beispiel muslimischer Frauen
(zeigt besonders die Verknüpfung und die gegenseitige Beeinflussung der Diskriminierungsformen auf)
(Quelle: Ina Kerner)
Eine vorherrschende Meinung in Deutschland ist, dass muslimische Länder, oder Menschen, die dem Islam angehören sexistischer seien, als Menschen anderer Religionen (auch „Othering“). Dies führt zu einer Viktimisierung muslimischer Frauen. Insbesondere wenn es westlichen Frauen darum geht Feminismus zu globalisieren. Alice Schwarzer, z.B., setzte das Kopftuch muslimischer Frauen mit dem Judenstern gleich. Betrachtete es also als Kennzeichen für Menschen zweiter Klasse. Für sie war es das Zeichen für eine sexistische Religion und Kultur. Außerdem beschränkte sie sich nur auf den Islam und ließ alle anderen Religionen außen vor. Sie reduzierte den Islam auf Verletzungen der Frauenrechte (die tatsächlich vorkamen/vorkommen, in anderen Kulturkreisen aber ebenfalls).
Muslimische Frauen, die freiwillig ein Kopftuch tragen, waren nicht Teil von Schwarzers Kampf gegen Sexismus und sind auch heute oftmals kein Teil deutscher, feministischer Gruppen.
Interdependenz
Ein neuerer Begriff ist Interdependez. Er soll die wechselseitige Abhängigkeit verschiedener Diskriminierungsformen stärker betonen.

Begriffe:
1 „Race“: Der Begriff „race“ ist nicht gleichzusetzen mit dem deutschen Begriff „Rasse“, da Menschen nicht in Rassen einteilbar sind. „Race“ ist der Begriff, der stattdessen verwendet wird, wenn es um Rassismus geht.
2“Ableism“: Diskriminierung von Menschen mit Behinderung
3 „Colourism“: Diskriminierung basierend auf der Hautfarbe

Sophia, @isiuwaberlin 


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