Warum ich selbsternannte Allies für fat people nicht ernst nehmen kann- Ein Fallbeispiel


@wiebkepeck hat uns ein Video des Youtube Channels Y-Kollektiv gezeigt: "Plus Size und selbstbewusst - Wie Übergewichtige dem Fat-Shaming trotzen."

Disclaimer: Wir wurden für diese Reportage angefragt, haben aber abgesagt.

Die Reporterin Sarah sagt relativ zu Beginn, dass sie den Begriff "hochgewichtig" benutzt, weil sie es richtig findet.
Ok, warum benutzt man dann dennoch "Übergewicht" im Titel? Zeigt mir, dass sie nichts verstanden hat, aber dazu später mehr.

Schon im Vorspann des Videos sagt Sarah (die selbst Kleidergröße 34 hat, darauf achtet, nicht zuzunehmen und wenn sie eine Tüte Chips isst, die nächsten Tage dafür weniger isst) den Satz: "Wie sagt man so schön, das Leben ist zu kurz für ein Sellerieschnitzel hihi" Toller Opener, um klarzustellen, dass alle dicken und fetten Menschen den ganzen Tag nur Junkfood in sich hineinstopfen. 👏🏽 Dabei möchte sie ja eigentlich mit dem Vorurteil aufräumen, dass fette Menschen faul und ungesund sind.

Sarah trifft die Modebloggerin Jules, die Größe 48 trägt und geht mit ihr in ein Modegeschäft für große Größen. Dort spricht sie Jules darauf an, dass ihre ehemalige Kollegin, die "ein bisschen...dicker" war, als sie "sehr sehr" abgenommen hatte, dann viel glücklicher war. Jules erklärt, dass Abnehmen eine Reise zu sich selbst sei und es im Leben darum geht, mit sich selbst im Reinen zu sein und wenn das bedeutet, dass man den Ballast (die Kilos) abwirft, sei das völlig in Ordnung.

Merkt sie nicht, dass das problematisch ist? Dass es nicht die Reise zu sich selbst ist, wenn man abnimmt? Aber gut. Weiter im Text. Denn Sarah findet Jules selbstbewusst, obwohl diese sich vorstellen kann, einmal dünner zu werden, aber dabei nicht unter Druck steht. (????) Bist du jetzt glücklich so wie du bist or nah? Ich verstehe es nicht.

Was ich auch nicht verstehe, ist, dass Sarah "hochgewichtig", den richtigen Begriff, findet, aber dennoch "curvy" (was KEIN Synonym dafür ist) und "ein bisschen dicker" ständig benutzt, weil ihr das Wort "fett" anscheinend schwer über die Lippen geht.
Sarah erklärt Jules dann, dass sie mit ihrer Reportage die Gemeinsamkeiten zwischen fetten und schlanken Personen finden wollte (als wären fette Menschen keine normalen Menschen, sondern eine komplett andere, zu erforschende Spezies), aber alle "etwas dickeren" Menschen, mit denen sie telefoniert hat (darunter auch wir), sagten, sie würden mit ihrem Gewicht struggeln. Wir sagten übrigens lediglich, dass fette Menschen es automatisch härter im Leben haben. Sarahs Schlussfolgerung: Dicke/fette Menschen können nicht zufrieden sein mit ihren Kilos.

Jules schneidet an, dass das aber nicht an deren Kilos, sondern an der Gesellschaft liegt, und ich dachte schon, wow, endlich mal ein vernünftiger Satz! Aber leider folgt direkt danach die Aussage, dass viele Menschen abnehmen wollen "um die Balance herzustellen, zu dem natürlichen Gewicht, was eigentlich da sein sollte". Hä? Ah ok, Sarah erklärt, was Jules meint: "Mit natürlichem Gewicht meint Jules eins, mit dem man keine gesundheitlichen Probleme bekommt."
TOXIC 👏🏽 AS 👏🏽 F*CK👏🏽

Jules sagt später in einem anderen Zusammenhang, dass es maßlos sei, eine Tüte Chips zu essen und sie Chips viel bewusster als früher isst. In der Kameraaufnahme sitzt sie mit Sarah am Tisch und diese fragt noch so kackendreist lachend, ob sie das überhaupt filmen dürfen oder ob es Jules peinlich ist, in der Öffentlichkeit zu essen. Jules hat kein Problem damit und isst EINEN KEKS, während Sarah vom Tisch abgerückt ist, und nur ihren schwarzen Kaffee trinkt. Der Fokus ist wieder ganz klar: Fette Menschen sind nur fett, weil sie maßlos Junkfood essen. Ein sich wiederholendes Thema.
Dazu kommt, dass Sarah am Ende für sich selbst nochmal klar stellt, dass sie und ihre Freundinnen häufig mit ihren Körpern struggeln und sie selbst schlank sein und bleiben möchte. Ok danke für die Info, hilft leider null für das, was du mit dem Video aussagen möchtest.

Danach trifft Sarah für das zweite Interview Chris, der Tanzlehrer an einer Tanzschule und hochgewichtig ist. Sein Motto ist "Dance has no size". Ok klingt gut! Nachdem er erzählt, wie er zum Tanzen gekommen ist, stellt er fest, dass er mit einer schlanken Figur erfolgreicher gewesen wäre. Ich freue mich, dass er dennoch mit dem Leiten der Tanzschule Erfolg hat und mit seinen Programmen mehrere Shows macht. Sarah erkennt mit keinem Wort an, dass fette Menschen tausend mal härter für ihren Erfolg kämpfen müssen, als nicht-fette Menschen, was sie an dieser Stelle unbedingt tun müsste!

Weiterhin erzählt Chris dann von seinen Mobbingerfahrungen in der Schule und seine gescheiterten Versuche, Gewicht zu verlieren. Warum das nicht geklappt hat, erklärt er damit, dass er undiszipliniert und "abnehmfaul" gewesen ist und somit allen fetten Menschen vor laufender Kamera nochmal richtig in den Arsch tritt.
Als Sarah Chris dann ins Theater begleitet, wo er und seine Tanzgruppe wenig später auftreten, überlegt sie, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie dick gewesen wäre und ob sie dann auch vor der Kamera oder auf einer Bühne hätte stehen wollen. "Ich weiß nicht, ob mir dann das Selbstbewusstsein gefehlt hätte". Danke fürs Teilen deiner internalisierten fettfeindlichen Gedanken (wieder mal).
Es folgen Ausschschnitte von Chris' Bühnenshow (das Beste am ganzen Video) und am Ende sagt Chris ENDLICH einen halbwegs positiven Satz, nämlich, dass sein Gewicht ihm nicht im Weg steht auf der Bühne.

Schlusswort von Sarah: "Das war's von mir zum Thema fat acceptance".

In diesem Video habe ich nichts, aber auch rein gar nichts davon verspürt, dass Sarah als Reporterin die interviewten Personen wertschätzt und ernst nimmt, im Gegenteil, sie hat ständig davon geredet wie fettfeindlich sie ist und es scheint klar durch, dass sie nicht glaubt, dass man als fette Person zufrieden sein kann mit sich und im Leben. Zudem machen sie und zum Teil auch die interviewten Personen deutlich, dass sie von dem Thema "fat acceptance" und "fat issues" nicht besonders viel Ahnung haben, bzw. nicht die Richtigen sind, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, was versucht gegen Fettfeindlichkeit vorzugehen.

Untermauert wird das durch die beiden interviewten Personen, die dadurch privilegiert sind, dass sie relativ acceptable fat sind, beide Jobs haben, in denen sie machen können was sie wollen und ihre eigenen Vorgesetzten sind. Sorry, aber das ist nicht das wahre Leben der meisten fetten/mehrgewichtigen Menschen. Und Jules und Chris wirken zwar auf den ersten Blick selbsbewusst und happy, aber sagen fast durchgängig toxische Dinge, die Selbsthass reflektieren. Das gesellschaftliche Bild von fetten/mehrgewichtigen Menschen wird nur viel zu oberflächlich angekratzt und die ganzen fettfeindlichen Hasskommentare unter dem Video werden weder vom Channel moderiert noch ausgeschaltet. Y-Kollektiv ist also weder überzeugt von dem, für das sie stehen wollen, noch bieten sie einen Safer Space für die interviewten Personen und alle anderen Betroffenen.

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